Stefan Raab – Eine Ikone des deutschen TVs

„Schönen guten Morgen, guten Tag, guten Tag und gute Nacht, weil…“

Ein Metzger, der sich mit dem Komponieren von Werbejingles über Wasser hält, wird innerhalb von wenigen Jahren zum möglicherweise größten Entertainer des deutschen Fernsehens. Klingt wie eine Märchengeschichte? Nein, das ist es ganz und gar nicht. Der, der das geschafft hat, heißt Stefan Raab. Seit 1993 sorgt der Kölner für allerlei Witz und Gelächter vor den Fernsehbildschirmen der Bundesrepublik und ein Ende ist nicht abzusehen.

Alles beginnt im Jahre 1990: Der gelernte Metzger und Student der Rechtswissenschaften macht sich mit einer eigenen Werbejingle-Produktionsfirma selbstständig, die unter dem Namen „Roof Groove Musikverlag Stefan Raab“ firmiert, angelehnt an den Standort seines ersten Studios.

Im Jahr 1993 kommt es zu einer folgenreichen Begegnung: Wie üblich, will Raab seine Werbejingles bei verschiedenen TV-Sendern anbieten und kommt dabei auch bei dem gerade gegründeten Musiksender VIVA vorbei. Obwohl er eigentlich nur Werbejingles verkaufen will, wird sein Unterhaltungstalent erkannt und ihm eine eigene TV-Sendung angeboten. Raab willigt ein und noch im selben Jahr startet die Show „Vivasion“ auf VIVA, die drei Mal in der Woche ausgestrahlt wird. In der ganzstündigen Show, die immer wieder durch Musikvideos unterbrochen wird, wird allerlei Schabernack präsentiert. Zu Beginn der Sendung kommt Raab durch eine riesige Papierwand ins Studio gestürzt, begrüßt die Zuschauer mit einem flott herunterratterten „Schönen guten Morgen, guten Abend, guten Tag und gute Nacht, weil… Vivasion!“, vor Einspielern betätigt er einen über seinem Kopf angebrachten durchsichtigen Toilettenspülkasten (in dem außerdem noch eine Barbiepuppe schwimmt), die prominenten Gäste müssen auf Kinderstühlen Platz nehmen, auf dem Schreibtisch steht eine einladend aussehende Cola-Dose, die unter Strom gesetzt ist, durch ein Loch in der Wand schaut der sogenannte „Zuschauer der Woche“.

Raab selbst tritt dieser Umgebung entsprechend auf: Mit Hornbrille und langen, fettigen Haaren, immer einen flotten Spruch auf den Lippen und ohne jeglichen Respekt vor der Obrigkeit, führt er durch die Sendung. Über ein Keyboard klatscht er sich selbst Beifall. Schnell wird seine Show unter den Jugendlichen sehr bekannt, Raab bekommt sogar noch eine weitere Sendung, monatlich wurde zusätzlich „Ma kuck´n“ ausgestrahlt, das ähnlich aufgebaut war wie „Vivasion“.

Schon bald brachte Raab schließlich seinen ersten Song heraus: Mit dem WM-Hit „Böörti Böörti Vogts“ von „Stefan Raab & Die Bekloppten“ erklimmt er Platz 4 in den Charts. Gesanglich und musikalisch war das Lied sicherlich keine Meisterleistung, aber es war während der Weltmeisterschaft in den USA sehr lange Thema seiner Sendung, mit einer USA-Reise berichtete Raab direkt von dem wichtigsten Fußballwettbewerb der Welt. Dieses Lied brachte ihm auch erste altersklassenübergreifende Beachtung: Unter anderem trat er in „ran“ auf SAT.1 auf. Nachdem er ein Jahr später eine nicht so erfolgreiche Coverversion von „Ein Bett im Kornfeld“ zusammen mit Jürgen Drews und Bürger Lars Dietrich veröffentlichte, folgte im Jahr 1996 wieder ein Hit: Zum 25-jährigen Jubiläum der „Sendung mit der Maus“ brachte er den Song „Hier kommt die Maus“ heraus, dessen Musikvideo auch im Kinderkanal lief. Dieses Lied schaffte es auf Platz 2 der deutschen Charts, auf Platz 38 in Österreich und auf Platz 12 in der Schweiz. Im Jahr 1998 folgte sein erster von mittlerweile vier Auftritten (der bisher letzte in diesem Jahr) beim Eurovision Song Contest: Für Guildo Horn komponierte Raab unter dem Namen „Alf Igel“, eine Anspielung auf Ralph Siegel, den Song „Guildo hat Euch lieb“, der souverän den deutschen Vorentscheid gewann. Mit dieser Parodie auf den deutschen Schlager revolutionierte Raab den Eurovision Song Contest wie niemals jemand zuvor. Horns Auftritt war wider allem, was den „ESC“ bis dahin ausgemacht hatte. Er war schrill, verrückt, aus Sicht der im Vorfeld berichtenden deutschen Presse geschmacklos und eine Schande für Deutschland. Europa sah das anders und belohnte die deutsche Delegation mit einem 7. Rang.

Im Jahr 1999 folgte der Senderwechsel für Stefan Raab: Aus den zahlreichen Angeboten wählte er ProSieben aus, die ihm eine wöchentliche Show zur Prime Time anboten. Viele der Konzepte aus „Vivasion“ übernahm Raab in das neue Format „TV Total“. So entstand das erste Raabigramm noch in seiner Zeit bei VIVA. Dazu später mehr. Trotzdem gab es auch zahlreiche Änderungen: Das Studio war deutlich größer und mit Zuschauerrängen ausgestattet, der Trash-Charakter entfiel. Auf seinem Schreibtisch konnte Raab mithilfe seiner sogenannten „Nippel“ kleine Clips ohne Einfluss der Regie abspielen, meist waren dies allerlei Peinlichkeiten aus Talkshows, Nachrichtensendungen und Kultursendungen der dritten Programme. Die Rubriken „Raab in Gefahr“ und „Raabigramm“ wurden aus VIVA-Zeiten übernommen. Bei „Raab in Gefahr“ stellte sich Raab wöchentlich einer neuen „Gefahr“, dabei besuchte er Briefmarkenmessen, ging zu „Top of the Pops“, half bei McDonald´s aus, fuhr Pizzas aus… Das führte zu vielen witzigen Situationen. Mit dem ersten „Raabigramm“ wurde Rudi Carrell „beglückt“. Dabei handelte es sich um ein von Raab auf seiner Ukulele vorgetragenes Lied für einen Prominenten, das in einer Pointe endet, die die vorher im Lied gelobten Eigenschaften des Besungenen in eine kuriose und manchmal beleidigende Strophe umwandelt. Dieses Lied wurde dem Prominenten dann vorgespielt und aufgezeichnet, um später in der Show gezeigt zu werden. Zu Anfang war ein „Raabigramm“ eher peinlich, später aber galt es eher als Adelung. Zu seinen prominentesten „Opfern“ zählten unter anderem Dieter Bohlen, Verona Feldbusch, Siegfried & Roy und Britney Spears. Ein wahrer Kampf brach aus, als Raab versuchte, für den Nachrichtensprecher von RTL, Heiner Brehmer, ein Lied vorzutragen. Da dieser zu dem Zeitpunkt, als Raab bei RTL auftauchte, nicht zu sprechen war, versuchte er es über Wochen hinweg die „Festung RTL“ zu „stürmen“. Letztendlich konnte Raab sein „Raabigramm“ doch noch vortragen. Nach dem großen Erfolg des Formats wurde es bald werktäglich ausgestrahlt, allerdings sanken die Einschaltquoten in den letzten Jahren stetig. Vielmehr baut Raabs Erfolg in den zahlreichen Ablegern TV Totals auf, wie z. B. die „WOK-WM“, das Turmspringen, Eisfußball und natürlich dem Erfolgsformat „Schlag den Raab“, das bereits ins Ausland verkauft wurde und in dem Raab seinen beinahe manischen Ehrgeiz ausleben kann und gegen einen Kandidaten antritt, der bei einem Sieg 500.000 € gewinnen kann. Im Jackpot–Prinzip erhöht sich der Gewinn jeweils um 500.000 € in jeder neuen Show, wenn es dem Kandidaten nicht gelingt, Raab in verschiedensten geistigen und körperlichen Disziplinen zu bezwingen. Auch musikalisch tat sich Raab weiterhin hervor: Er brachte insgesamt drei „TV Total”-Alben heraus. Er landete mit „Maschen-Draht-Zaun“ seinen ersten und einzigen Nummer-1-Hit in Deutschland. In der, damals noch reale (Zivil-)Gerichtsfälle zeigenden, Gerichtsshow „Richterin Barbara Salesch“ wurde ein Fall behandelt, bei dem sich eine Frau, Regina Zindler, darüber beklagte, dass ihr Maschendrahtzaun durch den Knallerbsenstrauch des Nachbarn beschädigt werden würde. Ihren auffälligen voigtländischen Dialekt nutze Raab für einen Country-Song. Zindler bekam auch einen Anteil an den Plattenverkäufen.

Der musikalische Höhepunkt seiner Karriere war der Auftritt als Sänger beim Eurovision Song Contest: Mit dem Nonsens- und Zungenbrecher-Lied „Wadde hadde dudde da?“ setzte sich Raab im Vorentscheid mit 57,4 % der abgegebenen Stimmen klar durch und trat zu zweiten Mal beim „ESC“ an, diesmal als Künstler. Raab belegte mit einem sehr verrückten Auftritt in Glitzerlook einen respektablen 5. Platz. Zwölf Punkte gab es aus Österreich, der Schweiz und Spanien. Der Song belegte Platz 2 in den deutschen Charts. Im selben Jahr veröffentlichte er außerdem das Lied „Ho mir ma ne Flasche Bier (Schluck, Schluck, Schluck)“, das einen O-Ton des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder zu einem Remix verarbeitete. Auch dieses Lied belegte Platz 2 in der Hitparade. 2001 brachte er mit Shaggy „Gebt das Hanf frei“ heraus, das Platz 3 belegte. Auch in der Filmmusik tat sich Raab hervor: Für Michael „Bully“ Herbigs Film „(T)raumschriff Surprise – Episode I“ schrieb und sang er den Track „Space-Taxi“, der in Deutschland und Österreich Platz 2, in der Schweiz Platz 7 und in Gesamt-Europa Platz 8 belegte.

Aber auch in Casting-Sendungen zeigte Raab sein Gespür für hoffnungsvolle Talente: Ende 2003 schuf Raab seine TV-Total-interne Castingshow „SSDSGPS“ (Stefan Sucht Den Super-Grand-Prix-Star), die einen Künstler finden sollte, der beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2004 teilnehmen sollte. Der Sieger dieses Wettbewerbs, Max Mutzke, gewann mit dem Lied „Can´t wait until tonight“ den deutschen Vorentscheid mit über 90 % der Stimmen und belegte beim ESC-Finale in Istanbul den 8. Platz.

2007 rief Raab wiederum eine Castingshow ins Leben, diesmal mit deutlich längerem Namen: „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“. Diese „Abkürzung“ stand für „Stefan Sucht Den Superstar, Der Singen Soll, Was Er Möchte, Und Gerne Auch Bei RTL Auftreten Darf!“. Der letzte Teil der Abkürzung bezog sich auf einen Streit mit RTL um einen Auftritt des DSDS-Kandidaten Max Buskohl in Raabs Sendung „TV Total“. Aufgrund des Vertrages mit RTL wurde es Buskohl, der kurz zuvor die Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ verlassen hatte, nicht gestattet, bei Raab aufzutreten. Als Trotzreaktion entstand schließlich „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“, das von Stefanie Heinzmann gewonnen wurde. Sie belegt mit ihrem Song „My man is a mean man“ Platz 3 in den deutschen Charts.

Nach dem katastrophalen Abschneiden Deutschlands in den Vorjahren wurde nach langen und zähen Verhandlungen im Jahr 2009 bekannt gegeben, dass Stefan Raab den deutschen Beitrag für den Eurovision Song Contest 2010 in Oslo finden soll. Es war das erste Mal, dass ein privater und ein öffentlich-rechtlichter Sender eine solche Zusammenarbeit zeigten. Raab stellte daraufhin sein bisher größtes Casting-Projekt auf die Beine: Bei „Unser Star für Oslo“ bewarben sich über 4.000 Künstler. Die Show wurde abwechselnd auf der ARD und ProSieben ausgestrahlt und stellte einen krassen Kontrast zum RTL-Konkurrenzprodukt „DSDS“ dar. Bei „Unser Star für Oslo“, abgekürzt auch „USFO“ genannt, wurde der Fokus hauptsächlich auf den Gesang gelegt, das Privatleben der Kandidaten wurde nicht ausgeleuchtet. Die besten 20 Kandidaten traten wöchentlich auf und wurden per Telefonvoting der Zuschauer in die nächste Runde gewählt. In einem etwas unübersichtlichen Prozedere kam es schließlich zum Finale, in dem Jennifer Braun gegen Lena Meyer-Landrut antraten. Kurz zuvor wurden die Titel, mit denen die Siegerin womöglich in Oslo antreten würden, von den Zuschauern gewählt. Im Vorfeld des Wettbewerbs war es Songschreibern auf der ganzen Welt möglich, Songs zu schreiben und einzuschicken. Aus einer Auswahl von zwei dieser Lieder und einem speziell auf den Kandidaten angepassten Song durften die Zuschauer ihre Auswahl treffen. Die Hannoveranerin Lena Meyer-Landrut gewann schließlich mit dem Lied „Satellite“, mit dem sie beim Eurovision Song Contest 2010 in Oslo antreten wird. Lena Meyer-Landrut stellte schnell einige Rekorde auf, sie ist die einzige deutsche Künstlerin, die mit drei Hits gleichzeitig („Satellite“, „Love Me“, „Bee“) auf den ersten drei Plätzen der Download-Charts liegt. „Love Me“ war eine Komposition von Raab, der Text stammt von der Interpretin selbst.

Ich persönlich wünsche Raab und seinem neuesten Schützling viel Glück in Oslo, auf dass es wieder heißt: „Germany, 12 points!“

Quellen: tutsi.de, Wikipedia, eigene Erinnerungen
Autor: 96wirdMeister

3 Responses to “Stefan Raab – Eine Ikone des deutschen TVs”

  1. Hola, Interesante, no va a continuar con este artнculo?

  2. Interessanter Beitrag! Gebookmarkt :)

  3. I do not think I’ve seen this described in such an informative way before. You actually have made this so much clearer for me. Thank you!

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